Delegation aus der Erzdiözese besucht Ukraine

29.10.2025 | Reisetagebuch gibt Einblicke

Derzeit befindet sich eine Delegation aus Vertretern der Erzdiözese Freiburg und Caritas International unter Leitung von Weihbischof Dr. Peter Birkhofer zu einem Besuch in der Ukraine. Mit Gesprächen sowie Besuchen verschiedener Hilfsprojekte und Einrichtungen möchte die Erzdiözese Ihre Solidarität mit den Christinnen und Christen sowie der gesamten Bevölkerung der Ukraine ausdrücken. Dort engagiert sich die Erzdiözese schon seit über zehn Jahren, etwa bei der Unterstützung eines örtlichen Caritas-Zentrums.
 
Dorotheé Kissel, Mitarbeiterin in der Hauptabteilung Weltkirche berichtet in ihrem Tagebuch von der Reise.
Reisetagebuch,Tag 1: Lviv
Nach einem reibungslosen Grenzübertritt zu Fuß erreichen wir ukrainisches Gebiet. Ein Fahrzeug der Caritas Ukraine bringt uns weiter nach Lviv. Im Stadtzentrum befindet sich ein Zentrum der Caritas Lviv, untergebracht in einem umgebauten Hotel. Geeignete Gebäude zu finden, ist schwierig: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Ostukraine erwerben derzeit Immobilien in Lviv, um von hier aus ihre Geschäfte weiterzuführen. Das Team der Caritas Lviv umfasst 35 Mitarbeitende, die in unterschiedlichen Bereichen tätig sind. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung von Kriegsvertriebenen, Veteranen und deren Familien. Dazu gehören medizinische und physiotherapeutische Hilfe, psychologische Begleitung, Sport- und Reintegrationsprogramme sowie seelsorgliche Angebote. Der Glaube wird ausdrücklich als Ressource verstanden, die psychische Stabilität und Orientierung bietet.
 
Darüber hinaus leistet die Organisation psychosoziale Unterstützung für Menschen aller Altersgruppen. Teams aus Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen führen Therapien, Gruppentrainings, Bildungsmaßnahmen und rechtliche Beratungen durch. Sie arbeiten in Schulen und anderen sozialen Einrichtungen und betreuen Einzelpersonen vor Ort oder im Rahmen von Hausbesuchen. Besondere Programme gelten Frauen in militärischen Kontexten, Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen sowie Menschen mit Behinderungen. Die sogenannte „Hausbetreuungsgruppe“, die seit über zwei Jahrzehnten existiert, kümmert sich um ältere, alleinlebende und pflegebedürftige Personen. Sechs Sozialarbeiterinnen und ein Psychologe bieten kunsttherapeutische Aktivitäten, persönliche Beratung und Hauswirtschaftshilfe. Der Bedarf wächst kontinuierlich, insbesondere seit Beginn des Krieges.
 
Während eines Rundgangs durch das Caritas-Zentrum werden verschiedene Arbeitsbereiche vorgestellt: Ein Konferenzraum, ein Multifunktionsraum und ein Büro, in dem neue Konzepte zur wirtschaftlichen Förderung erprobt werden. Die Caritas unterstützt Start-up-Gründerinnen und -Gründer mit Anschubfinanzierungen und Beratung, um Arbeitsplätze auch für Kriegsbetroffene zu schaffen. Das Untergeschoss soll künftig Veteranen vorbehalten sein, doch die Barrierefreiheit stellt ein noch ungelöstes Problem dar. Ein Projekt von Caritas International und lokalen Partnern widmet sich dieser Herausforderung. Auch infrastrukturelle Verbesserungen wie der geplante Einbau von Solarpanels stehen auf der Agenda. Die Verantwortlichen betonen, dass viele Priester im Land durch den Krieg zu Multifunktionsrollen gezwungen sind: Sie übernehmen pastorale, organisatorische und technische Aufgaben zugleich. Inzwischen unterhält die Caritas Ukraine 40 lokale Zentren – ein Netzwerk, das durch den Krieg stark gewachsen und professionalisiert wurde.
 
Die Kooperation mit städtischen und privaten Partnern ist eng, durch fehlende staatliche Unterstützung aufgrund der Priorisierung militärbezogener Projekte jedoch begrenzt. Freiwillige Helferinnen und Helfer leisten wertvolle Beiträge, können aber keine feste Verantwortung übernehmen. Ein eigenes Zentrum widmet sich Jugendlichen und jungen Menschen mit Behinderung. Hier hat die Stadt Lviv die Betriebskosten übernommen – ein Signal der Anerkennung für die Arbeit der Caritas.
 
Nach dem Mittagessen besuchen wir eine zweite Einrichtung der Caritas, die auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Militärkindergartens untergebracht ist. Nach Jahren des Verfalls nutzt die Caritas das Gebäude heute für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen. Psychologinnen, Sozialpädagoginnen und Animatorinnen betreuen dort Kinder aus Binnenvertriebenenfamilien und aus belasteten sozialen Umfeldern. Das Zentrum setzt auf spielerisches Lernen, persönliche Begleitung und kreative Förderung. Ein besonderes Bildungsangebot ist das Programm „Caritas-Kindergeld“, das Kinder an den Umgang mit Geld, Eigeninitiative und soziale Verantwortung heranführt. Viele frühere Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagieren sich später selbst als Freiwillige. Die Einrichtung arbeitet zudem eng mit Polizei und Stadtverwaltung zusammen, um Kinderrechte zu stärken und Präventionsarbeit zu leisten.
 
Am Abend treffen wir den Weihbischof von Lviv, Volodymyr Grutsa. Nach einer Führung durch die St.-Georgs-Kathedrale feiern wir die Heilige Messe im Bischofshaus. Beim anschließenden Abendessen kommen der Weihbischof und Mitarbeitende aus Verwaltung und Pastoral mit uns ins Gespräch.
 
Den Abschluss des Tages bildet ein Besuch der Militärkirche. Auf dem Rückweg ins Hotel fahren wir am Militärfriedhof vorbei, ein Wunsch von Weihbischof Volodymyr, denn die Stimmung erinnere an Weihnachten mit den vielen Kerzen und Lichtern, die Angehörige und Freunde auf den Gräbern der gefallenen Soldatinnen und Soldaten anzünden. Ein Bild, das zeige, dass das Leben lebt. Und der Friedhof ist tatsächlich lebendig. Tagtäglich kommen Menschen zu den Gräbern, es ist wie eine Art Stadttreff geworden. Wir begegnen einer Frau, deren Sohn genau vor einem Jahr im Einsatz gefallen ist. Der 30-Jährige wurde mit 30 Schüssen erschossen, dabei habe er noch versucht, sich schützend vor seine Kameraden zu stellen. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Die Mutter hat die junge Familie bei sich aufgenommen. Sie meint, die Frau sei noch jung, sie werde vermutlich wieder heiraten, aber für jetzt verspüre sie den starken Wunsch, sie eng bei sich zu haben. Gemeinsam verharren wir mit ihr am Grab im Gebet.
 
Den weiteren Verlauf der Reise können Sie hier nachlesen: www.ebfr.de/ukraine.