Die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu im Südsudan

29.12.2025 | Afrikatag 2026 stellt Arbeit der katholischen Ordensfrauen in den Mittelpunkt

Die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu sind selbst Geflüchtete. Das ursprüngliche Haus der Ordensschwester in Khartoum im Sudan wurde im jüngsten Krieg zerstört. Sie kamen unter abenteuerlichen Bedingungen in Juba an, wo sie nun in einem alten Konvent leben. Sie teilen sich ein Bett, schlafen in Abstellräumen und Containern, gekocht wird auf einer Feuerstelle im Schuppen. Von links nach rechts: Sr.LIlly Ibero, Sr. Jane Poni, Sr.Pasqua Binen, Sr. Carmela Diakon und Sr. Rose Minisare.
Der Südsudan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mütter schicken in Juba schon Dreijährige zum Betteln auf die Straße. Die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu ändern das. Ein Beispiel, warum gut ausgebildete Ordensfrauen so wichtig sind.
 
Jeden Sonntag schnürt Schwester Pasqua Binen Anena ihre Sportschuhe und läuft durch Juba. Südsudans heiße, staubige Hauptstadt ist nicht gerade ein Joggingparadies. Aber die resolute Ordensfrau hat die sandigen Straßen zu ihrem persönlichen Fitnessparcours erkoren. Ihren überschüssigen Pfunden rückt sie mit demselben Elan zuleibe wie Problemen, die ihr begegnen.
Den Tag, als sie die Laufschuhe kaufte, wird die 62-Jährige nicht vergessen. Zwei Wochen davor war sie aus Uganda gekommen, wo sie ein Waisenheim geleitet hatte. Jetzt hatte ihr Orden, die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu, sie als Generalvikarin ins Mutterhaus nach Juba geholt.
 
Die Suche nach passendem Schuhwerk führt Schwester Pasqua zum Konyokonyo-Markt, dem größten der Stadt. Unter einem riesigen Wellblechdach ist hier von Obst und Gemüse über Stoffe und Schuhe bis hin zu Fußbällen und Haushaltswaren so ziemlich alles zu finden: „Da habe ich die Straßenkinder gesehen“, erinnert sich Schwester Pasqua. „Ich habe mich geschämt, weil wir drei Mahlzeiten am Tag haben .“
 
Dass die Jungen und Mädchen, die sich zwischen den Ständen herumdrücken, Hunger haben, ist nicht zu übersehen. Ihre abgetragene, schmutzige Kleidung flattert wie Fähnchen an den dünnen, kleinen Körpern. Schüchtern bieten sie den Passanten Pfennigsartikel an: Wäscheklammern, Haarspangen, eine Packung Kaugummi für 20 Cent. Manche sind erst fünf oder sechs Jahre alt. John ist elf und mit einem alten Lappen bewaffnet. Auf der Straße passt er Kunden ab, die mit dem Auto einkaufen kommen. Was sie ihm für die Scheibenwäsche geben, ist kaum mehr als ein Almosen. Normalerweise geht John morgens zum Gesundheitszentrum der Herz-Jesu-Schwestern. Da gibt es Essen, trifft er Kameraden, darf Kind sein. Heute aber muss er für die Familie sorgen. Seine Mutter ist krank und hat ihm aufgetragen, Geld zu verdienen. Wie ihm geht es vielen Kindern.

Ein Land, vom Krieg gezeichnet

Im Mahandi-Camp in Juba leben seit 2013 tausende vor Gewalt geflüchtete Menschen aus dem Bundesstaat Jonglei im Südsudan. Vertriebene anderer Ethnien folgten, in jüngster Zeit auch immer mehr Kriegsflüchtlinge aus dem Sudan. Die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu kümmern sich um sie.
Der Südsudan ist ein kriegsversehrtes Land. Nach jahrzehntelangen Kämpfen erklärte der christliche Süden 2011 die Unabhängigkeit vom dominanten muslimischen Norden: der jüngste Staat der Welt und bitterarm. 80 Prozent der zwölf Millionen Einwohner leben von weniger als umgerechnet 1,60 Euro pro Tag, drei von vier Kindern gehen nicht zur Schule. Bis heute flammen immer wieder Konflikte zwischen den mehr als 60 Volksgruppen auf. 1,8 Millionen Menschen sind Vertriebene im eigenen Land.
 
„Schon Dreijährige werden von ihren Müttern zum Betteln geschickt“, empört sich Schwester Pasqua. „Das ist Kindesmissbrauch!“ Für die Ordensfrau und passionierte Lehrerin war klar: Diese Kinder müssen weg von der Straße! Manche in ihrem Orden hatten Bedenken. Priester erklärten, sie solle lieber zur Kirche gehen und beten. Doch eine Mitschwester in den USA sammelte binnen kürzester Zeit 20 000 Dollar. Es war das Startkapital für Schwester Pasquas Projekt. Drei Monate, nachdem sie in Juba angekommen war, füllte sich der Hof am Gesundheitszentrum der Herz-Jesu-Schwestern mit Leben.
Hier, einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, kümmern sich Schwester Pasqua und ihre Helfer seitdem von Montag bis Freitag täglich um bis zu 350 Jungen und Mädchen, die jüngsten gerade drei Jahre, die Großen nicht älter als zwölf – aber so genau kontrolliert das hier niemand. Morgens um halb acht, wenn sich das blaue Metalltor öffnet, warten draußen schon die Ersten aufs Frühstück. Mittags bekommen sie eine zweite Mahlzeit. In der Zwischenzeit können sie spielen, lernen, sich waschen. Wer krank ist, wird behandelt.

„Unsere Hilfe ist bedingunglos“

Die Gesundheitsstation ist ein bescheidenes Haus mit Behandlungs- und Lagerraum, Büro, Toiletten und Waschbecken. Im Sprechzimmer steht Alfred Loka, auf dem Arm die vierjährige Jamela. Sie fiebert. Die Krankenschwester wird einen Malariatest machen und ihre Medikamente geben. Die meisten Patienten kommen mit Tropenkrankheiten, Husten oder Durchfall, viele auch mit Wunden, die versorgt werden müssen. Loka hat einen wachen Blick für die Kleinen. Der 19-Jährige wuchs in dem Waisenheim auf, das Schwester Pasqua in Uganda geleitet hat. Nun hat sie den jungen Mann zurück in seine südsudanesische Heimat geholt. Er hilft, die Kinder zu betreuen, und bringt ihnen ein wenig Lesen, Schreiben und Rechnen bei. „In der Bibel heißt es: Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt er. „Das tun wir. Unsere Hilfe ist bedingungslos.“
 
Wenig später stellt er in einem Pavillon eine Tafel auf. Mit Kreide hat er eine Reihe Wörter darauf geschrieben. Sofort strömen aus allen Ecken Jungen und Mädchen herbei und quetschen sich dicht aneinander gedrängt auf den Boden. Im Chor wiederholen sie, was Loka vorliest: Kreuz, Weihwasser, Rosenkranz. Unterricht ist das kaum zu nennen. Aber die Kinder sind mit Feuereifer dabei. „Ich komme, weil ich hier lernen kann, spielen und essen“, sagt Mary, eine barfüßige Achtjährige im karierten Rock. „Zu Hause haben wir nicht genug. Manchmal gehen wir hungrig schlafen.“

Zuhause im Flüchtlingscamp

Schwester Pasqua Binen Anena hilft Straßenkindern in Juba. Im Gesundheitszentrum der Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu können sie spielen und auch essen.
Draußen köcheln derweil in einem Wellblechverschlag Reis, Maisbrei, Erbsen und Bohnen in gewaltigen Alutöpfen und Mengen, mit denen sich mühelos eine ganze Kompanie versorgen ließe. Kinder turnen über die Mauern, spielen Ball, quasseln. Die Luft ist erfüllt vom Gewirr ihrer hohen Stimmen. Sie sind aufgeregt. Gleich wird es Essen geben. Und wie auf ein geheimes Zeichen stellen sich plötzlich alle hintereinander auf: vorne die Kleinsten, hinten die Größten. Die Schlangen ziehen sich über den gesamten Hof, niemand schubst oder drängelt. Haben die Köchinnen die Teller gefüllt, setzen sich die Kinder auf Treppenstufen oder die Plastikplanen am Boden. „Am Anfang war das nicht so“, erzählt Schwester Pasqua. Disziplin musste sie ihren Schützlingen erst beibringen.
 
Die meisten Jungen und Mädchen hier sind nie zur Schule gegangen. Streng genommen sind sie auch keine Straßenkinder. Ihr Zuhause ist ein Flüchtlingslager, nur wenige Straßenzüge entfernt. Da, wo die Wege im Sand verlaufen und die Häuser mit jedem Meter schäbiger werden, liegt im Schatten der Moschee das Mahandi-Camp. Das Lager besteht seit 2013. Die Regierung hat den Murle den Platz zugewiesen, nachdem sie vor Kämpfen in ihrer Heimat, dem Bundesstaat Jonglei, geflohen waren. Vertriebene anderer Ethnien folgten, in jüngster Zeit auch immer mehr Kriegsflüchtlinge aus dem Sudan. Bis zu den Ufern des Nils reihen sich die aus Ästen und zerschlissenen Plastikplanen zusammengeschusterten Hütten aneinander. In manchen leben zehn Leute und mehr, meist Kinder mit ihren Müttern, Tanten und Großmüttern. Die Männer wurden im Krieg getötet.
 
Durch die engen Gassen laufen Jungen und Mädchen in zerlumpter Kleidung. Es stinkt nach Urin. Die Alten sitzen auf Plastikstühlen vor den Zelten. Bei 40 Grad Außentemperatur ist es drinnen kaum auszuhalten; wenn es regnet, rinnt das Wasser durch die Wände und verwandelt die Wege in Schlamm. „Ich war viermal in der Regenzeit hier“, erzählt Schwester Pasqua, „und jedes Mal danach krank.“

Ein Orden auf der Flucht

Sr. Carmela Diakon zeigt, wo die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu in Juba schlafen. Hier leben sie mit den Menschen, für die sie da sind.
Die Ordensfrau weiß, was Flucht und Vertreibung bedeuten. Ihre 1954 in Juba – damals noch im Sudan – gegründete Gemeinschaft, war gerade zehn Jahre alt, als die islamische Regierung alle ausländischen Missionare des Landes verwies. Die Herz-Jesu-Schwestern gingen nach Uganda, später flohen sie unter der brutalen Gewaltherrschaft Idi Amins zurück in den Sudan. Nun hat sie der Krieg dort wieder vertrieben. Die Schwestern aus Khartum kamen nach einer gefährlichen Flucht mit nichts als ihrer Kleidung am Leib in Juba an. „Wir haben alle ein Trauma“, gesteht Schwester Pasqua. „Wir verdrängen es. Aber es macht uns auch stark, weil wir die Erfahrungen der Menschen teilen.“ Das passt zum Charisma des Ordens: Liebe und Mitgefühl.

„Wir leben im Dreck“

Im Mahadi-Flüchtlingscamp leben 16000 Menschen auf engstem Raum. Vor Jahren hat eine Hilfsorganisation Duschkabinen aufgestellt und Trockenlatrinen gebaut. Mittlerweile sind drei der zehn Toiletten voll, aber niemand kümmert sich um die Leerung. Einen Brunnen gibt es nicht. Die Geflüchteten müssen das Wasser teuer in Zehn- Liter-Tanks kaufen. Seit 2021 verteilt das Welternährungsprogramm auch keine Lebensmittel mehr. „Wir hungern, haben kein Wasser, wir leben im Dreck“, klagt Kalima Jouang. „Ich überlebe, weil meine Kinder betteln.“ Jouangs Mann wurde im Krieg getötet, seine Witwe blieb mit sechs Söhnen zurück. Früher muss sie eine begehrte Frau gewesen sein. Auf der Stirn trägt sie die für die Murle typischen schwarzgepunkteten Schmucknarben – ein Zeichen für Schönheit.
 
Die Schwestern wollen den Müttern helfen, selbst für ihre Familien zu sorgen. „Wir müssen ihre Fähigkeiten ausbauen“, sagt Schwester Mary Atimango, 51. Jeden Samstagvormittag steht sie in Dodonga, einer Siedlung am Rand von Juba, unter den ausladenden Ästen eines Regenschirmbaums und unterrichtet: Backen, Catering, das kleine Einmaleins der Marktwirtschaft. Keine leichte Aufgabe. Die meisten Frauen, die ihr zu hören, haben nie Lesen oder Schreiben, geschweige denn Rechnen gelernt. Die Menschen in Dodonga sind arm. An den Ufern des Nils ziehen sie Cassava, Sorghum, Auberginen, Tomaten. Was sie selbst nicht brauchen, verkaufen sie. Doch jedes Mal, wenn der Fluss die Felder überschwemmt, ist die Ernte verloren. Viele Kinder gehen hungrig zur Schule, die die Schwestern in dem Viertel errichtet haben. Mädchen werden schon in der vierten Klasse verheiratet und erscheinen nie mehr zum Unterricht. Nun sitzen ihre Mütter vor dem Gebäude und lernen, wie man Geld verdient. Wie man Kuchen oder Teigtaschen backt und gewinnbringend verkauft. Dass man nicht alle Einnahmen ausgibt, sondern Rücklagen bildet.

Ihr Traum: selbst Geld verdienen

Jeden Samstag kommen die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu in eine Armensiedlung am Rand von Juba. Dort unterrichten sie Frauen im Backen, Catering und dem kleinen Einmaleins der Marktwirtschaft. Sie sollen sich ein eigenes Geschäft aufbauen.
Geschickt flicht Schwester Mary dabei Themen wie Kinderehe, Gewalt gegen Frauen, Traumata ein. „Wenn ich nur darüber sprechen würde, kämen sie nicht“, sagt die Englischlehrerin. Den Mädchen in den höheren Klassen bringen die Ordensfrauen nachmittags das Frisörhandwerk, Catering, Schneidern bei. „Wir müssen unsere Einstellung ändern“, erklärt Schwester Mary bestimmt. „Entwicklung funktioniert nicht durch Almosen, sondern wenn Du Wissen vermittelst.“ Die Frauen sind das beste Beispiel dafür: Eine berichtet, wie sie jetzt kalkuliert und vom Verkauf ihres Gemüses Schulgebühren und Medikamente für ihre Kinder bezahlt. Eine andere, wie sie schneidern gelernt hat und damit die Familie durchbringt. Unterdessen backt ein wenig abseits auf offenem Feuer ein Napfkuchen. Drei Frauen haben den anderen gezeigt, wie man den Teig zubereitet. Jetzt tarieren sie Ober- und Unterhitze geschickt mit der glühenden Holz-kohle aus, die sie auf und unter die geschlossene Form schieben.
Ihr eigenes Geld verdienen: Davon träumen auch die Mütter, mit denen Schwester Pasqua mittags im Hof des Gesundheitszentrums zusammensitzt. „Solange das Welternährungsprogramm Lebensmittel
verteilt hat, konnte ich etwas davon verkaufen. Mit dem Erlös habe ich die Schule bezahlt“, erzählt Mary Karieo. Jetzt kämpft sie täglich ums Überleben. Die Wünsche der Frauen sind bescheiden: Schule für die Kinder, manche würden gerne einen Teeausschank aufmachen. Schwester Pasqua überlegt, ob sie ihnen zeigen kann, wie man Seife herstellt. Die Ordensfrauen würden die Kinder aus dem Camp auch an ihrer Schule unterrichten. Aber sie bräuchten einen Bus, um sie dorthin zu bringen.
 
Ihre Hilfe wird noch lange gebraucht werden. An Weihnachten hat Schwester Pasqua mit 600 Kindern auf dem Hof des Gesundheitszentrums eine Party gefeiert hat. Die T-Shirts, die sie ihnen geschenkt hat, tragen sie noch Wochen später. „Wenn ich kann, komme ich jeden Tag hierher “, sagt die Ordensfrau. Nur sonntags schnürt sie weiterhin ihre Sportschuhe. Ohne sie wäre das Straßenkinderprojekt vielleicht nie ans Laufen gekommen.

Kollekte zum Afrikatag

Die Kollekte zum Afrikatag findet im Erzbistum Freiburg am Dreikönigstag (06.01.2026) statt. 2025 wurden deutschlandweit für die Kollekte zum Afrikatag 791.000 Euro gespendet. In der Erzdiözese Freiburg gingen bei der Kollekte zum Afrikatag 2025 144.000 Euro ein.
 
Weitere Informationen zum Afrikatag 2026 sowie die Möglichkeit zur Online-Spende finden Sie unter www.missio-hilft.de/mitmachen/afrikatag-2026 
 
(Beatrix Gramlich / misssio Aachen)